Gedanken eines Baumes
Auf einer Fläche stehst du. Graugrün und Moosig. Eine Erhebung. In einer Sumpflandschaft; graugrün und moosig. Viele kleine Wasserpfützen. Graugrün und moosig. Bis zum graugrünen und moosigen Horizont. Kaum eine Erhebung, bis auf die, auf der du stehst. Ein Baum. Graugrün und moosig. Alt und verdorrt, mehr ein dicker Ast als ein Baum. Aber graugrün und moosig. Du hast keine Blätter. Nur ein graugrün-moosiger Filz bedeckt dich. Fast wie der Himmel. Auch er sieht auf eine gewisse Art graugrün und moosig aus. Genauso, wie deine Gedanken. Auch sie sind graugrün und moosig, und auch sie sind in einem graugrün-moosigen Filz versunken.
Alles, was du je wahrgenommen hast, ist graugrün und moosig. Bis auf einen kleinen Fleck in der Landschaft. Eine kleine Blume. Sie ist vor einigen Tagen auf einmal da gewesen. Sie ist nicht graugrün und moosig. Nein, ganz und gar nicht. Eher glatt-zart-bunt. Explosiv rot, quietschgelb und knallgrün. Und sie passt nicht in diese Umgebung. Vielleicht bist du wegen ihr wütend, zornig, erbost. Aber du wirst erst nach einer langen, graugrün-moosigen Zeit feststellen, dass du es bist. Wenn es denn so ist. Auf jeden Fall bist du interessiert, wie lange dieses geradezu ekelhaft bunte Blümchen brauchen wird, um sich anzupassen. Und auch graugrün-moosig im Sumpf versinken wird. Schlick wird es werden. Eine graugrün-moosige Unterwassersumpfpfützenpflanze wird es werden, wie auch sonst alles hier. Als ob irgendetwas auf Dauer etwas anderes sein könnte.
Lächerlich. Alles ist schlussendlich graugrün und moosig.
Alles.
Michael Bahner