ruhige Gedankenreise

Ich finde, es ist wieder mal an der Zeit für einige ruhige Minuten voll Eindrücken, Gedanken und Feelings. Und so. Lasst euch das ganze hier vorlesen, damit ihr auch schön nach meinen Anweisungen handeln könnt.
Also fangen wir an.
Schließen wir die Augen.
Machen wir eine kleine Reise.
Wie es immer so schön heißt, leeren wir unseren Geist.
Stellt euch mal eine ganze Menge leeren Raum vor. Ein paar glitzernde Punkte im Hintergrund, und im Vordergrund – naja, glitzernde Punkte. Aus einem der glitzernden Punkte wächst langsam ein kleiner glitzernder Kugelkörper heraus, der sich immer mehr zu einem hellorangefarbenen Ball verändert und sich als Sonne zu erkennen gibt. Etwas abseits vom Zentrum unseres gedanklichen Blickfelds, denn wir fliegen nicht wirklich auf die Sonne zu, sondern auf einen kleinen Planeten, der die Sonne in einem Radius umkreist, der Leben ermöglicht, wenn alle anderen Voraussetzungen auch stimmen. Nennen wir es beim Namen, wir fliegen in Gedanken auf die Erde zu.
Ihr dürft euch einen Kontinent aussuchen, der gerade zufällig vorne liegt – jeder hat ja andere Gedanken, und wer sich die Erde so vorstellt, nun ich möchte euch keine allzu festen Gedanken vordiktieren. Nur so eine Denkrichtlinie – also ihr fliegt auf diesen Kontinent zu, seht noch ein paar Wolken vorbeiziehen, während ihr (stellt euch das möglichst körperlos vor) in einem kometengleichen Tempo auf den Grund zudonnert. Ihr habt offensichtlich eine tolle Geschwindigkeit drauf, denn ihr seht schnell den Boden (oder das Wasser – hängt ja von euch ab) entgegenkommen. Stellt euch jetzt doch bitte vor, wie ihr mit einer gewissen Anstrengung versucht, euren Sturz abzufangen, indem ihr parallel zum Boden fliegt, was euch allerdings nicht schnell gelingt. Naja, ihr kennt das ja von netten Actionfilmen, erst kurz vor dem Boden gelingt euch das Unterfangen, und ihr wirbelt noch einige hundert Meter weit Staub, Gras oder Wasser auf. Auf Wunsch streift ihr auch Baumwipfel, wenn ihr über einem Wald hinwegfegt, oder Schneegestöber entsteht hinter euch, wenn ihr euch als Anflugziel unbedingt eine sehr verschneite Gegend ausgesucht habt. In jedem Fall donnert ihr mit einer nicht gerade allzu geringen Geschwindigkeit über euer Gelände. Stellt euch vor, wie die Luft euch in den Haaren wühlt, an euren Kleidern zerrt und rüttelt, euch die Tränen in die Augen treibt und zu Seite wegfließen lässt. … dann wird es abrupt weiß.
Nicht wie ein Blitz, nur eben – es wird weiß. Und als das weiße wieder normalen Farben weicht – nunja, ihr erkennt nicht viele Farben – seht ihr euch in einer nebligen Landschaft wieder. Graubraun, graugrün, graugrau. Ein altes, offensichtlich verlassenes Haus steht vor euch am Ende der Einfahrt, die mit kleinen, vermoosten Kieseln bedeckt ist, zwischen denen Grashalme hervorschauen, die von der jahrelangen Unbenutztheit zeugen, die vielleicht aufgrund irgendwelcher mysteriöser Morde zustande kam, die man in der damaligen Zeit und entsprechend den Umständen und den hier passenden Umgebungsvorurteilen gerne auch mit Geistergeschichten assoziieren könnte, die sich in vielfach veränderter Form und gleichem Grundgedanken überall auf der Welt finden lassen.
Geht man näher auf das Haus zu, erkennt man halb vermoderte Holzbalken, zer- und heruntergefallene Fensterläden, eingeschlagene Scheiben, durch die der Wind pfeift; weiterhin das übliche Repertoire an Äxten, die in einem Holzblock neben ein paar Haufen alter Scheite stecken, ein paar verlassene Nester, heruntergefallene Ziegel, einen Vollmond, ein paar vom Wind umhergepeitschte Blätter, einen von heruntergefallenem Laub vollkommen bedeckten Gartenteich, eine alte Statue an dem Gartenteich, die früher vermutlich einmal Wasser aus einer Amphore fließen ließ; ein paar größere Steine, die während der damaligen Instandhaltung des Gartens garantiert nicht dagelegen hatten, sich aber im Laufe der Zeit – wie es bei alten spukenden Anwesen so der Fall ist – aus dem Nichts mitten im Blickfeld verstreut niedergelassen hatten; eine schwarzgraue Katze mit durchdringendem Blick und ein Haufen Raben, die in dem diesigen Grau fast geräuschlos aus dem Nichts auftauchen und nur in wenigen Metern Entfernung ihre Runden drehen. Erst wenn man sehr genau hinsieht – vorbei an den abblätternden Farbschichten, dem trüben Messingschild mit der Unheilverkündenden Dreizehn, einigen Marmorsäulen, die von Efeu überwuchert zwar logisch nicht nachvollziehbar sind, aber sich gut in das Bild einfügen; vorbei an dem Kamin, der sich zur Hälfte auf dem Dach und zur Hälfte auf dem Boden verteilt hat; vorbei an einem alten Baum, der eigentlich mehr wie ein totes Gerüst aus Zahnstochern und verkohlten, vom Blitz getroffenen Strohhalmen und borkigen Dingen aussieht, vorbei auch an den Schatten, die sich im Hintergrund hinter dem Nebel erstrecken – erst wenn man an all dem vorbei und sehr genau hinsieht, erkennt man etwas, das absolut nicht ins Bild passt.
Nun, was mag es sein? Es ist etwas, das eigentlich an jedem Haus zu finden ist, und es ist auch etwas, das eigentlich genau so gar keine Aufmerksamkeit erregen würde. Nur dass es an diesem Haus gewissermaßen Fehl am Platz wirkt.
Eine goldene Türklinke, glänzend, strahlend, auf Hochglanz poliert. In unserer schon erwähnten mental körperlosen Form können wir die Klinke von allen Seiten wunderbar betrachten, können unser Spiegelbild sehen – oder auch nicht – wie in einem Goldenen Spiegel, können den Türgriff (leicht geschwungen, nicht allzu reich verziert) auch von hinten betrachten, von der Seite, wo normalerweise der Kopf nicht hineingezwängt werden kann, und in unserem Geiste können wir uns – beziehungsweise ihr euch – das Ganze sicher besser ausmalen als ich es zu beschreiben vermag – versucht es doch selbst einmal, einen Türgriff zu beschreiben. Nun, was seht ihr an dem Türgriff? Nichts außergewöhnliches, nur dass er wundervoll auf Hochglanz poliert ist, er glänzt, was nun mal nicht zu dem Haus passt. Während ihr noch in eure Gedanken vertieft seid, stellt euch das mal mit Körper vor. Ihr seht euch aus fünf Metern Entfernung, etwas in die Hocke gegangen, oder nach vorne gebeugt (entscheidet ihr), die Hände stützen sich auf den Knien oder auf dem Boden ab, wenn ihr wollt, meinetwegen auch in den Hosentaschen; das Gesicht nicht sichtbar, da ihr euch ja von hinten seht. Vor eurem zweiten Ich, das das an-der-Tür-Ich gerade beobachtet, ragt das Haus auf, die Hauswand – etwas grau – mit den etwas grünlichen Fensterläden und den zerbrochenen Fensterscheiben am Rand eures Blickfelds, nach oben hin der Giebel und das Dach.

In dem Moment bewegt sich die Türklinke.