Loreley oder so
Hoch droben auf einem Felsen,
weit über der reißenden Flut,
da saß dereinst eine Jungfrau,
vom Aussehen her mittel bis gut.
Sie saß hoch droben, gar so weit entfernt
von Leben, Tod und Zeit,
Es kam kein Jüngling, der sie wollte haben,
zu ihr, der Weg war zu weit.
Doch ging sie oft alleine hin,
zum Felsen über dem Rhein,
sie wollte ihn sehen, den Fluss zu Füßen,
denn sie wusste, so sollte es sein.
So sang sie alleine, von Liebe und Schmerz,
von Einsamkeit und von dem Wind,
Sie spürte den Fels, die Nässe, den Frost,
die Zeiten verrannen geschwind.
Jahrzehnte lang wurd’ sie gesehn,
wie sie ihr gold’nes Haar strich,
singend und weinend, die Fischer verwirrend,
genauso wie dich und mich.
Mit ihrem Gesange brachte sie Pech,
verzaubert steuern die Schiff’
ohne zu schauen, nur nach den Gesängen,
auf das tödliche Riff.
Bei Nebel und bei Sonnenschein,
bei Regen und bei Nacht,
hunderten Schiffen und Booten
hat sie den Tod gebracht.
Eines Tages, mitten im Mai,
Die Schönheit ungebrochen,
sie kämmte gerade ihr goldenes Haar,
hört’ sie an den Felsen wen pochen.
Ein Wandersmann, von gar weit her,
er hörte die Sage noch nicht,
erblickte als erster in hundert Jahren
der Loreleyen Gesicht.
Recht überrascht, und recht verwegen,
lud er die Jungfrau ein,
der Felsen war die Gelegenheit,
beim Picknick zusammen zu sein.
Die Stimme fuhr ihm direkt in sein Herz,
er war auf der Stelle gebannt,
und bis das Abendrot wich den Sternen,
hielt er ihre Hand.
Auch Loreley, nicht abgeneigt,
war auf den Burschen fixiert,
und noch in derselben Nacht
waren die beiden liiert.
Er führt’ sie fort von ihrem Felsen,
den sie nun gerne verließ,
er zeigte ihr die weite Welt,
entlang von Straßen aus Kies.
Er zeigte ihr Wälder und Berge,
zu Pferde und zu Fuß,
doch insgeheim, da träumte sie,
von ihrem reißenden Fluss.
Sie liebten sich für lange Jahre,
der Jüngling ging schon am Stocke,
doch um die Schultern der Loreley,
wallte die goldene Locke.
Gerade als der Mann verschieden,
reiste sie zurück,
Jeden Tag ein bisschen näher,
zum Rhein nur Stück für Stück.
So kam sie an und setzte sich,
gealtert um keinen Tag,
besang wie früher den reißenden Strom,
der zu ihren Füßen lag.
Die Fischer, ach, sie glaubten schon,
die Sage wäre wahr,
doch nach Jahren sahen sie alle wieder
durch den Nebel das goldene Haar.
So ging es weiter viele Jahre,
Loreley auf ihrem Riff,
sie sang nach den Fischern, wer konnte, der folgte
nahm mit sich sein ganzes Schiff.
Doch Loreley, sie merkt’ es wohl,
der Fischersfrauen Gram.
Die Fischer, alle starben sie,
“weil Loreley sie nahm“.
Sie dachte bei sich, “ich kenn’ den Schmerz,
den diese Frau’n ertragen,
Denn haben sie nicht, was sie so brauchen,
das müssen sie mir nicht noch sagen.“
Um dem Leid ein Ende zu setzen,
von ihrem und dem der Frau’n,
entschloss sie sich nach langem Weinen,
sich dem Wasser anzuvertrau’n.
Doch der Rhein, er kannte sie,
die Loreley war ihm lieb.
Und als sie sprang, da starb sie nicht,
wenngleich auf dem Wasser sie trieb.
Sie wurde ein Teil des ewigen Rheins,
der durch die Zeiten besteht.
Von früh bis spät, bei Tag und bei Nacht
Das Wasser kommt und es geht.
Im Tod hat sie die Liebe gefunden,
die Liebe von ihr zu dem Fluss.
Und hier, in dieser letzten Zeile,
erfahr’n sie den ewigen Kuss.