Beziehungsträume 1 - Winter
Eng umschlungen – zusammengekuschelt unter einer warmen, weichen, unendlich großen Kuscheldecke, halb an der Wand lehnend, sitzen wir im Bett, die Augen schläfrig und wohlig-gemütlich halb geschlossen, halb offen, schauen wir durch das dunkle Fenster hinaus, in dem sich die wenigen Kerzen spiegeln, die ich vor einer Weile angezündet habe. Draußen ist es dunkel, der Schnee fällt orangeflockig durch den frostig-warmen Schein der Straßenlaterne. Du lehnst an mir, dein Rücken an meinem Bauch, dein Kopf auf meiner Schulter, an meinem Hals. Die Kälte draußen ist eine wohlige Kälte, die einem die Wärme drinnen noch behaglicher macht. Ein Feuerchen in einem offenen Kamin wäre sicher auch ganz nett, aber die Kerzen reichen übrig aus für eine Atmosphäre, die man so schnell nicht mehr verlassen möchte.
Ich habe meine Arme um deinen Bauch geschlungen, den anderen etwas unter deinem Hals, unter den Armen hindurch. Deine Arme liegen irgendwo, ich weiß nicht genau wo, vorhin habe ich eine Hand an meinem Knie gespürt, die andere in der Nähe meines Ellbogens. Inzwischen ist deine eine Hand verrutscht, etwas weiter den Oberschenkel hinauf, leicht Kreise streichelnd mit den Fingerspitzen; die andere Hand, ich weiß nicht, sie könnte überall sein. Die Knie halb angewinkelt, halb ausgestreckt, irgendwie in einer seltsamen Pose, die eigentlich gar nicht so cool aussieht, aber gerade mit dir wundervoll gemütlich ist.
Dein Kopf rutscht etwas hin und her, ich wüsste gerne, was du gerade so denkst. Ob du auch gerade über dieses Bild nachdenkst, wie es von außen so aussehen mag. Ob du daliegst und die Gedanken fließen lässt, ohne einen wirklich festzuhalten, ein träumender Zustand zwischen Wachen und Schlafen.
Der Garten draußen ist bedeckt von einer dicken Schicht Schnee, auf einigen Büschen und Bäumchen schimmert der schwarze Kälteschatten durch das flauschige Weiß. Von der knapp vorweihnachtlichen Stimmung in den gegenüberliegenden Häusern strahlen elektrische Kerzen und verschiedenfarbige Balkonlichterketten, die den Schnee sichtbar machen, der von dem dunklen Nachthimmel herunterflockt. Ja, vorweihnachtlich trifft die Stimmung ganz gut, gerade wenn es nur noch wenige Stunden sind bis unter dem Christbaum die Geschenke ausgepackt werden. Wenige Stunden ist auch übertrieben, vielleicht noch eine oder zwei. In jedem Fall ist es wenig, und es Weihnachten. Meine Gedankengänge werden sanft unterbrochen, als du dich etwas herumdrehst und deinen Arm um mich legst, ein paar Sekunden noch hin und her rutschst, bis du eine gemütliche Stellung gefunden hast, den Kopf nach oben drehst. Du schaust mir in die Augen und lächelst, ich bin mir nicht sicher, ob du abwesend bist oder einfach nur zufrieden. Dann verändert sich dien Gesichtsausdruck unmerklich, jetzt bist du eindeutig glücklich, strahlst mich an, drückst dich an mich – oder ziehst mich näher zu dir, was in dem Fall auf dasselbe herauskommt.
Mit einer Hand streichle ich vorsichtig über deinen Kopf, streiche dir eine heruntergefallene Strähne aus dem Gesicht und hauche einen Kuss auf deine Stirn. Offenbar befriedigt legst du deinen Kopf wieder auf meine Schulter, knapp unter meinem Hals, nickst noch einmal in Gedanken. Auch ich bin zufrieden. Schließlich ist es doch Weihnachten, und ich habe ein Geschenk schon im Arm. Denn es ist ein Geschenk. Jeder, der sich so hingebungsvoll an mich ankuschelt und auch ganz ohne Sex stundenlang eine schöne sprachlose Zeit haben kann ist mir ein Geschenk. Dass es Weihnachten ist, muss zwar nicht gerade Voraussetzung für das Kuscheln sein, aber es ist doch wirklich eine unglaubliche schöne Atmosphäre – der orange beleuchtete Schnee in der Straßenlaterne, dann weiter vorne die Straße, unberührt, keine Autospuren, das orange verschwimmt langsam schon zum bleichen Weiß des Fast-Vollmonds, der Garten noch weiter vorn, bis unters Fenster, gesäumt von diversem Gesträuch, das in der Kälte unter der dicken Schneeschicht immer noch kleine Lücken freilässt, wo die Nachtschwärze herausschimmert, und dann das Fenster selbst, Schwarz wie der Himmel, kleine Reflektionen der Kerzen im Zimmer, die um uns herum langsam nieder brennen.
Ich weiß nicht, was mir besser gefällt.
Aber wahrscheinlich gibt es auch gar nichts anderes, als das Eine: Das Ganze, was jetzt auf mich einströmt. Das Mädchen neben mir und die Welt da draußen. Es ist eins. Ein Eindruck. Und dieser Eine Eindruck, der ist schön. Jedenfalls bis wir nachher ins Wohnzimmer gehen, wo der Weihnachtsbaum mit den Geschenken wartet. Den anderen Geschenken.
Das größte Geschenk, das ist die Atmosphäre hier. Und die vergeht nicht. Ich werde sie in mir bewahren.
Wer schmeißt schon Geschenke weg, wenn man sie ganz frisch bekommen hat.